Regulierung von Internetkonzernen

Der Steinzeit-Mensch hat Anpassungsschwierigkeiten. Das #Neuland funktioniert nicht, wie gewünscht und alle weigern sich, die Bedienungsanleitung zu lesen. So jedenfalls erscheint dem Betrachter das Getöse zur Regulierung des bösen Internets.


Früher war nicht alles besser. Für Nachrichten war man auf Fischeinwickelpapier oder gar Kaffeesatz angewiesen, Allgemeinwissen war im Brockhaus mit Ledereinband und Goldschnitt abgespeichert, gut im Regal abgelagert, mindestens 10 Jahre alt.

Heute stehen uns alle Informationen der Welt zur Verfügung. Überkommt uns nächtens das Bedürfnis, die Abfahrtzeiten der UBahn in New York in der Station "36 Avenue / 31 Street" zu erfahren, bedarf es keiner großen Künste, sich diese Frage zu beantworten. Wollen wir "Nachrichten" lesen oder ergründen, was die Welt im Innersten zusammen hält: steht alles im Internet - Wahres und viel Erfundenes, meist Verzerrtes und Verkürztes.

Dieses schöne Internetneuland wird gemacht von großen Konzernen wie Google, Amazon, Alibaba, Facebook. Allüberall sind die Firmen aktiv - sie verkaufen Babywindeln, Autos, Medizin. Sie forschen an künstlicher Intelligenz, neuen Produktionsmethoden und Weltraumreisen. Sie können existieren, weil sie von Milliarden Menschen auf dem ganzen Globus genutzt und mit Werbegeldern gefüttert werden. Wir füttern diese Unternehmen, die wie Wackelpudding durch jedes Steuerschlupfloch glitschen und nach Belieben ihre Wertschöpfungszentren und Hauptbüros mal in Lichtenstein und dann wieder auf den Andamanen aufschlagen - nur um keine Steuern zahlen zu müssen.

Diese Firmen bieten Tummel- und Spielplätze für ihre Nutzer, legen Regeln des Miteinander fest und erzeugen auf diese Weise eigene Rechtsräume. Haben wir uns über Jahrhunderte oder Jahrtausende an die Idee gewöhnt, unser Zusammenleben demokratisch zu gestalten - liefern wir uns leichten Herzens der Willkür einzelner Unternehmen aus. Und eines Tages stellen wir fest: diese Internetkonzerne mit ihren Angeboten beeinflussen über die schiere Masse der Nutzer dann unser richtiges, echtes, fleischgebundenes Leben.

Menschen wie Trump werden Präsident, beratungsresistente Gruppen von Menschen mit den absonderlichsten Welterklärungsmodellen entstehen im Dunstkreis von Fakenews und ideologischen Faktenverdrehern.

Unsere Welt funktioniert nicht mehr. Unsere Innenstädte funktionieren nicht mehr, weil die Menschen nur noch auf wenigen großen Marktplätzen im Internet einkaufen. Unsere Spielplätze sind leer weil unsere Kinder nur noch an Spielkonsolen hängen. Unsere Vereine sind leer, weil die Mitglieder <a hreff="https://de.wikipedia.org/wiki/Binge_Watching" target:_blank >Binge watching oder Komaglotzen</a> bei Netflix oder bald Facebook machen müssen.

Konnte man damals - "als alles noch besser war" - jeden wiederlichen Schmierenfink und Faktenklitterer vor den Richter zerren und Gegendarstellungen in der Dorfpostille zur Ehrwiederherstellung drucken lassen - sind wir heute der Willkür der privaten Rechtsräume der Internetkonzerne ausgesetzt. Wird durch einen hysterischen und denkbefreiten Facebooknutzer ein Mensch an den Pranger gestellt wegen einer vermuteten Kindeswohlgefährung, gibt es keine Möglicheit für den Verleumdeten, seinen Ruf wieder herzustellen. Die Verursacher der Verleumdung kommen meist straffrei davon. Diese Zeiten hatten wir schon. Die Folge ist, dass man wieder zum Knüppel der Selbstjustiz greift.

Aufmerksame Zeitgenossen stellen diese Probleme fest, gehen in die Politik, werden Innenminister und erlassen Gesetze mit Gültigkeit für einen winzigen Landstrich auf dem Globus. Bestimmte Internetseiten oder Verhaltensweisen werden gesperrt, verboten, gelöscht - nur im Rest der Welt nicht. Es entsteht ein riesiger Flickenteppich an lokalen Gesetzen, die große Internetkonzerne regulieren sollen. Letztlich sind diese Versuche aber so aussichtslos wie der Versuch, einen Wackelpudding mit Ess-stäbchen unfallfrei über einen Flokati zu balancieren.

Wir Menschen müssen einfach derzeit anerkennen, dass das Internet ein nahezu rechtsfreier Raum ist. Das heutige Internet ist nicht für Kinder, Nachrichten, verlässliche Geschäfte, Gleichberechtigung oder gar Demokratie geeignet. Wer seinen Computer einschaltet oder das Mobiltelefon nutzt, legt seine Daten und sein Wohlergehen in die Hände unkontrollierter Dritter. Das muss man wissen - darüber kann man klagen - daran ändern können wir im Moment nichts.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass diese vielbezichtigten Internetunternehmen keine eigene Persönlichkeit haben sondern ihrerseits ebenfalls nur von Menschen gemacht werden. Und die vielen Fakenews auf Facebook und die vielen Betrügerreien auf Amazon und die vielen verlinkten Schrecklichkeiten bei Google und die vielen gefährlichen Sondermüllprodukte bei Alibaba werden von Menschen erzeugt und verbreitet. Wir Menschen funktionieren eben so - wir sind grundsätzlich nette Wesen. Aber wenn wir glauben, es gäbe keine Strafen, keine Richter und Kläger, dann machen wir Menschen eben schreckliche Sachen. Wir werfen Bomben aufeinander. Wir rühren Chemikalien in Babynahrung. Wir schleifen uns anvertraute Kinder anderer Eltern wider besseren Wissens in steinzeitliche Gottesdienste. Wir verkaufen Produkte die wir nie liefern. Wir erfinden und verbreiten ganz bewusst Lügen, denunzieren Menschen, machen uns lustig über Hilflose, spucken auf Arme, Andere, weit Entfernte.

Auch der Versuch über den Sozialismus soll ja letztlich am Menschen gescheitert sein. Und ändern können wir uns Menschen nicht. Ändern können wir nur Regeln, nach denen wir unser Zusammenleben organisieren. Wenn es uns gelingt, in allen Ländern der Welt die gleichen Bedingungen für diese Internetkonzerne zu schaffen, wenn es keine Schlupflöcher für die Rechts- und Finanzabteilungen von Facebook und Google mehr gibt, können wir wieder die Regeln bestimmen, nach denen unsere Gesellschaft funktioniert.

Doch das scheint noch in weiter Ferne zu liegen. Der gemeinsame europäische Rechtsraum zerfasert soeben. Die UNO schafft es nichtmal, wirksam gegen die Finanzierung von Terrorstaaten vorzugehen. Und solange die Menschen uneinig sind, werden sie den milliardenmächtigen, internationalen Konzernen hilflos ausgeliefert sein.

Ich jedenfalls bringe meinen Kindern schon in der Grundschule bei, wie man das Internet nutzen kann, wie es funktioniert, an welchen Stellen Gefahren und Missbrauch herrschen. Ich gebe ihnen Internet, spreche über Youtubevideos, die Wirkung von Werbung und Sexismus. Und dann scheuche ich sie nach den Hausaufgaben immer wieder raus an den Strand, in den Garten und aufs Fahrrad - damit sie die richtige Welt nicht verlernen.

Und noch während ich an diesem Eintrag arbeite, erscheint im Spiegel-Online-Magazin ein Artikel, der sich mit eben diesem Thema befasst und der auch lesenswert ist: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/facebook-und-google-regulierung-von-digitalkonzernen-kolumne-a-1154891.html

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