Ich bin Fake-News!

eigene Illustration
Bleistift auf Papier
Unlängst kam ich in die Verlegenheit, über "den Journalismus" zu schimpfen. Im Nachhinein beschlich mich der Verdacht, dass ich mich unfair dem Journalisten (neutrum, allgem.) gegenüber verhielt - und beschloss kurzerhand, selbst Journalist für einige Tage zu sein. Lies' hier über das schreckliche Ergebnis!




Neben meinen vielzähligen Verpflichtungen bin ich auch Freizeitpolitiker und befasse mich mit verschiedenen Themen im Kinder- und Jugendbereich. Dafür bin ich bestens qualifiziert - habe ich doch selbst zwei oder drei von der Sorte. Nachdem man sich mit einem Thema auseinandergesetzt hat, empfiehlt es sich, eine Pressemitteilung abzusondern. Denn wenn man schon mit Politik keinen Lebensunterhalt bestreiten kann - so soll doch wenigstens der exhibitionistische Trieb befriedigt werden. Manch einer möchte auch Bewunderung oder Zuspruch. Das alles kann man auf Facebook oder Twitter bekommen. Altvordere Politiker legen auch Wert auf die Erwähnung in der sogenannten Zeitung(1).

Tunichtgut Tobias Hecht macht dem
berühmten Wilfried Böhme Hasenohren
Nun hielt ich also im Rahmen meiner parlamentarischen Arbeit im Kreistag (2.) des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte eine ganz manierliche Rede sozialdarwinistischer Färbung mit dem Ziel, der gesamte Keistag möge die Bürgerinitiative "Kinder- und Jugendarmut wirksam begegnen - chancengleiche Entwicklung für alle" unterstützen. Wider Erwarten stimmten diesem schecklich-linken Antrag sogar weite Teile der Großen Koalition aus SPD und CDU zu. Ich schrieb meine Pressemitteilung (3.) und wusste zu diesem Zeitpunkt schon, dass sie wirkungslos verpuffen würde. Denn: Der für die Kreistagsberichterstattung zuständige Journalist (geschlechtsneutral) der Lokalzeitung war lange vor diesem Thema verschwunden, hatte seinen Bericht zu dieser Veranstaltung evtl. schon fertig und wenn ich meine "Pressemitteilung" hinaussende, ist schon lange Redaktionsschluss und am Folgetag würde dieses Ereignis schon wieder eine undruckbare und unverwertbare, ausgelutschte Nachricht von vorgestern sein.

Man - also der Kommunalpolitiker - empfindet, dass die wichtigen Themen nicht die Würdigung in der Öffentlichkeit erfahren, die sie verdient hätten. Und als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Kreisgestaltung sind die eigenen Themen immer wichtig. Wenn ich im Rechnungsprüfungsausschuss Mitglied wäre, würde ich das Thema dort bestimmt genauso wichtig finden, muss allerdings gestehen dass ich aus Sicht der Jugendhilfe mir im Moment kaum vorstellen kann, wie eine spannende Pressemitteilung aus dem Bereich lauten würde. "Skandal: Nur ganz geringe Beanstandungen im Jahresabschluss 2013!"?

Der Abend im Kreistag auf der Oppositionsbank jedoch war nun ausschlaggebend, die journalistische Seele und die Mechanismen des marktförmigen Journalismus einmal genauer zu ergründen. Um nun wie ein richtiger Journalist zu denken, fehlt mir die Ausbildung und die Erfahrung. Doch bestimmten journalistischen Zwängen kann ich mich auch im selbstorganisierten Eigenversuch unterwerfen - dachte ich mir und suchte im Internet eine Möglichkeit zur experimentellen Journalismusverwirklichung.

gestelltes Foto: ich am Schreibtisch
Nach wenigen Minuten stieß ich auf eine schreckliche Click-Bait-Bürgerjournalismus-Seite mit enormer Reichweite, die händeringend neue "Journalisten" suchte. Genau das Richtige für mich! Ein buntes Potpourri an "Nachrichten" tummelt sich dort: blastingnews.com/. Nachrichten über die Notwendigkeit des Tragens anständiger Aluhüte reihen sich an Meldungen über den Untergang unserer deutschen Leitkultur. Aufrufe zur Revolution gegen das bestehende Fernsehgebührensystem finden sich neben ernsthaften und wohl auch durchdachten Analysen zum Ende der Europäischen Union. Hier zählen die Klicks auf Artikel. Der Bürgerjournalist wird an den Werbeeinnahmen beteiligt. Ich setzte mir das Ziel, reichweitenstarke Artikel zu schreiben. Der von Auflagenzahlen und Websiteklicks abhängige Journalist behält seinen Job ja bestimmt auch nur, wenn er "gut verkauft". 

Doch schon bei der ernsthaften Recherche zum ersten unpolitischen Artikel geriet ich ins straucheln. Die Mühen der Recherche, einen wahrhaft wahren Artikel mit Zeitzeugnisqualität zu erzeugen, sind unbeschreiblich. Viele viele Minuten verbrachte ich zum Beispiel damit, ein gemeinfreies Bild einer gestohlenen Goldmünze aufzutreiben, die rechtlich einwandfreie Copyright-Angabe zu beschaffen und aus Polizei- und Presseberichten beteiligter Institutionen Fakten zusammenzustellen. Nach zwei oder drei Stunden ernsthafter Internetrecherche steht der Artikel. Und ich weiß, an welchen Stellen ich mangels Rechercheergebnis ungenau bleiben musste. Diese mühevolle Arbeit ist also vermutlich nichts für mich, denke ich mir und schwenke zum schöneren Thema um.

Ich möchte einen politischen Kommentar verfassen. Da dieser "Artikel" aber unter meinem Namen veröffentlicht wird, muss ich besonders sorgsam vorgehen, wie ich schnell feststellen muss. Es gibt für den freiberuflichen und den festangestellten Journalisten offenbar eine weitere Hürde beim Schreiben! Die Scheere im Kopf! Ich hatte so allerlei gute Themen und Überschriften, die sich für Reichweite und Clickbaits eigneten. Da ich aber nächste Woche wieder eine Parteiveranstaltung haben würde und ich dort nicht ausgebuht werden möchte, lasse ich diese Provokationen sein und schreibe artig über den Kanzerkandidaten Schulz. Das Ergebnis ist entsprechend bescheiden - gemessen an Leser-Reichweite, gesamtgesellschaftlicher Bedeutung und finanzieller Ausbeute.

Schon besser läuft es, als ich unter dem Pseudonym einer verzweifelten Armutsstudentin "Erlebnisberichte" aus dem Rotlichtmilieu auf einer vermutlich einschlägigen Internetplatform veröffentliche. Ein paar gemeinfreie Bilder aus Wikipedia und Flickr bearbeitet und für eigene Zwecke hochgeladen, illustrieren glaubhaft meine "Erfahrungen" bei Honorarverhandlungen mit ungewaschenen Freiern. "Klicks" sammle ich hier viele - mehr als bei Artikeln über die SPD und Schulz.

Einige Tage vergehen und ich sinniere über meinen weiteren Weg. Soll ich umsatteln und Aluhut-Berichterstatter und Pseudo-Pornograph werden? Ich würde mit Sicherheit den Rest meiner Glaubwürdigkeit verlieren - vor allem vor mir selbst. Und genau in diesem Zeitraum werden in der Regionalzeitung (4) und dem sogenannten "LPG-Fernsehen" (5) erneut Berichte veröffentlicht, die durch Weglassung wesentlicher Umstände die von mir erlebte Realität derart verfälschen, dass ich mich wieder einmal über "die Journaille" ärgern könnte.

Aber gleichzeitig denke ich an meinen Ausflug in die tagesaktuelle Textberichterstattung zurück und bin kaum einem bezahlten Journalisten mehr böse, schreibt er nicht das, was ich für richtig halte. Ich führe mir immer dann die Qualen und Nöte des Schreibenden vor Augen. Ich versuche mir die "schwarzen Bücher" in den Redaktionen und die "Selbstzensurscheren" vorzustellen und werde in meinem Urteil über GEZ-Journalisten und freiberufliche oder gar angestellte Zeitungsjournalisten sofort milde.

Fazit: Unsere Welt ist derart komplex, dass selbst einfache Facetten gesellschaftlich relevanter Ereignisse kaum in vollem Umfang in Form eines herkömmlichen journalistischen Beitrages erfasst werden können. Und für uns "Normalmenschen" mit unserer täglich spärlichen freien Zeit ist es ohnehin kaum möglich, zu einem Thema vollständig informiert zu sein. Auf dem Beifahrersitz am Morgen im Auto auf dem Weg zur Arbeit "wischen" wir uns kurz durch die Schlagzeilen, ohne einen Artikel richtig zu lesen. Wir "Konsumenten" zwingen in unserem aktuellen Wirtschaftssystem die Journalisten, möglichst kurz, möglichst unterhaltsam, möglichst reißerisch, möglichst polarisierend auf den Punkt zu kommen. So wird aus jedem Ereignis im Nachrichtenland nur noch ein um Klicks und Erfolgskennzahlen konkurrierendes Unterhaltungsformat. Wir zwingen die Zeitungen und Nachrichtenmacher dazu, vermeintlich langweilige Fakten zu unterschlagen - wir honorieren in der Mehrheit nicht die Mühen für gut recherchierte Faktendarstellungen. Wir interessieren uns in der Mehrheit doch eher für Bilder von Brüsten und Blut.

Und wenn ich demnächst mal wieder Lust habe, etwas zu schreiben, nehme ich mir vielleicht den Begriff "Lügenpresse" vor und warum der nichts mit den Journalisten sondern fast ausschließlich mit uns Lesern zu tun hat.


Anhang und Worterklärung:
1. Zeitung: in der Theorie ein Werkzeug, um sich über den Fortgang des Universums und der Nachbarschaft umfänglich zu informieren. In der Praxis: Einband für allerlei Reklameerzeugnisse. Zur besseren Vermarktung der eingebundenen Reklameerzeugnisse mit "Geschichten, Storys, Meldungen, Meinungen, Leserbriefen, Schlagzeilen" gefüllt. Ungeeignet um sich über den Fortgang des Universums und den wirklichen Zustand der Nachbarschaft zu informieren.

2. http://web.lk-seenplatte.de/ratsinfo/seenplatte/Meeting.html?single=1&year=2017&month=2&mid=1069#current

3. https://drive.google.com/file/d/0B_FAiLRnfAv-cEU2dUNMaGhiSjhwZE5FdVRsMzMyb2RiTW1z/view?usp=drivesdk

4. http://www.nordkurier.de/

5. http://www.ndr.de/