Studienfreund Martin erinnert sich

Aber halt! Ich sollte die Geschichte lieber von Beginn an erzählen. Vor einigen Wochen war ich nicht nur passiver Zuhörer einer der Storys, die Tara uns immer auftischte. Auf ganz besondere Weise befand ich mich plötzlich mitten drin, im Geschehen.



Zwischenbemerkungen

  • Outtakes: Das sind Szenen, die es letztlich nicht in eine Story geschafft haben oder Szenen, die geschrieben werden wollten, aber nirgendwo hineinpassten. 
  • Martin Groning: Er ist ein guter Freund aus Taras Clique, etwas älter als sie und arbeitet im technischen Bereich.
  • diese Szene erfüllte ihren Zweck nicht richtig - sie funktionierte einfach nicht und wurde aus der Story entfernt


Als ich Tara kennen lernte, war ich in vielen Dingen des Lebens ziemlich unerfahren. Zum Beispiel war ich Gast auf der Abschlussparty eines Kommilitonen. Wir feierten in einem Berliner Hotel. Ich suchte die Toilette auf und hatte dort ein außerordentlich spannendes Erlebnis. Es gab keine Pissoires. Aber in jeder Einzelkabine hingen neben der Toilettenkeramik von Villeroy & Boch auch Spucktütenspender, wie du sie vielleicht aus dem Flugzeug kennst. Zurück am Tisch ließ ich die anderen Gäste an der Spucktüten-Frage teilhaben. Ich hielt das für ein interessantes Thema. Die Jungs in unserer Runde grinsten und zuckten mit den Schultern. Sie hatten wohl auch keine Erklärung für das Vorhandensein der feuchtigkeitsresistenten Papierbeutelchen. Aber das Mädchen mir gegenüber guckte mich mit großen Augen an. Plötzlich begann sie zu lachen und erklärte mir, dass ich offensichtlich auf der Damentoilette Halt gemacht hatte. Und das, was ich für Spucktüten hielt, seien Behältnisse für gebrauchte Damenhygiene-Artikel.
Ich glaube, das war der Moment, in dem ich mich in dieses Mädchen verliebte. Es war mir an diesem Abend nicht bewusst, aber im Rückblick muss es wohl das erste Mal gewesen sein, dass ich mich überhaupt ernsthaft für ein Mädchen interessierte. Zwar lachte sie über meine Unerfahrenheit. Aber sie lachte so charmant und ansteckend, dass ich mich nicht in Verlegenheit gebracht fühlte. Ich mochte, wie sie lachte. Ich mochte, wie ihre Locken dabei hüpften. Ich mochte, wie ihre weißen Zähne dabei glänzten. Später erzählte sie mir, dass sie erst einen Augenblick überlegen musste, ob ich einen Witz machte oder ob ich wohl wirklich noch nie auf einer Damentoilette war.
Wie gesagt - mit den Frauen und den Alltäglichkeiten des Lebens hatte ich es noch nie leicht. In der Schule galt ich als Sonderling. Erst während meines Studiums wurde ich etwas freier. Dort zählte plötzlich Leistung und nicht mehr Cliquen-Zugehörigkeit. Am Institut für Mathematik und Informatik der Technischen Universität in Berlin kam ich selten in Kontakt mit Mädchen oder Frauen, die mich interessiert hätten. Ich weiß ja bis heute kaum, ab welchem Alter oder Zustand man ein Mädchen doch lieber "Frau" nennt. Und die seltenen Male, die ich mich von Freunden überreden ließ, in einen Studentenclub zu gehen, wußte ich nicht, wie man das denn macht - das "Mädchen-ansprechen".
Und seit diesem Abend im Hotel trafen sich alle Mitglieder dieser Partygesellschaft regelmäßig alle paar Wochen bei einem von uns oder in einer Kneipe, saßen beisammen, erzählten und genossen. Und Tara - so erschien es uns allen wohl - war diejenige unter uns, mit den spannendsten, aufregendsten oder auch unwahrscheinlichsten Geschichten.

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