Tara allein auf dem Balkon an der Blauen Küste

(#Outtakes) Sie stand auf einem Balkon mit Blick auf die Côte d'Azur und hielt sich mit beiden Händen an einer abendlichen Tasse Ingwer-Tee fest. Die Grillen zirpten vor dem Haus auf der vertrockneten Wiese. Der Himmel war fast wolkenlos.
Anthony hatte ein Ferienhaus in der Nähe von Nizza genommen und sie waren gleich nach ihrer Rückkehr von der Whom Everything Succeeded nach Nizza geflogen. Hätten sie sich in Berlin bei einer Tasse Kaffee besser kennen gelernt, wäre vielleicht aus ihnen nichts geworden.


Zwischenbemerkungen
  • Outtakes sind Szenen, die es letztlich nicht in eine Story geschafft haben oder Szenen, die geschrieben werden wollten, aber nirgendwo hineinpassten. Diese Szene ist ein sog. "provisorisches Ende" gewesen. Anstatt es umständlich umzuschreiben oder zu löschen, findet es sich nun hier. 
  • Diese Szene ist ein Entwurf gewesen und wurde geschrieben, um verschiedene alternative "Enden" auszuprobieren und zu besprechen. 
Wahrscheinlich wäre Anthony nicht in Frage gekommen für eine ernsthafte Beziehung oder gar ein Abenteuer. Sie überlegte, was ihr überhaupt an ihm gefiel. Da war nichts Außergewöhnliches an ihm. Er hatte einen netten englischen Akzent, der seine New-Yorker Herkunft aber nicht überdecken konnte. Er war höflich, zuvorkommend, umsichtig - aber nicht mehr als sie es von anderen Männern kannte. Martins Bild schlich sich in ihre Gedanken. Ja - Martin war auch fürsorglich und bemüht. Vielleicht zu bemüht ...
Einen halben Tag hatten sie miteinander verbracht und sich kaum etwas zu sagen gehabt. Sie waren kurz spazieren gegangen an der steinigen Küste und hatten sich dann in einem kleinen Fisch-Restaurant niedergelassen. Ich schulde dir noch ein Essen - hatte er gesagt und sie dabei angelächelt. Aber dann waren sie doch ohne weitere Aufregungen schlafen gegangen - jeder in seinem eigenen Gästebett. So wollte sie ihre Zeit aber nicht verschwenden. Darum hatte sie am Abend noch geplant, früh aufzustehen, Anthony einen kurzen Zettel zu hinterlassen und ohne Versprechungen nach Berlin zu verschwinden.
Aber er war ihr zuvor gekommen.
Sie rührte mit dem Teebeutel in der Tasse, zog ihn vorsichtig heraus und ließ das Beutelchen aus dem Fenster in den halb verwilderten Strauch unter ihrem Balkon fallen. In diesem Moment fiel ihr diese Analogie zu ihrem Leben auf. Bisher hatte sie Männer eher als "Werkzeug" betrachtet. Sie sollten einen Zweck erfüllen, sollten da sein, sollten machen, sollten lieben. Und irgendwie gingen ihr die Männer nach verrichtetem Dienst immer abhanden. Warf sie ihre Männer und Liebhaber wie diesen benutzten Teebeutel weg? Hatte sie den Abreiseplan beschlossen, weil sie mit Anthony nichts anfangen konnte oder weil sich nichts ergab, was interessant gewesen wäre?
Die Abendsonne brannte ihr auf die Haut, die Grillen zirpten immer noch auf der Wiese und ihr Telefon klingelte hinter ihr auf dem zerwühlten Bett. Tara seufzte und schloss das Fenster. Wahrscheinlich war das ihre Mutter, die bald in Nizza mit dem Zug eintreffen würde. Sie hatte versprochen, sie dort abzuholen. Ein paar Tage Urlaub an der Blauen Küste würde ihnen beiden sicher gut tun.

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